LVZ verbreitet "Alternative Fakten"

Vergangene Woche titelte die so genannte Leipziger Volkszeitung (LVZ):


Immer mehr Migrantenkinder schaffen in Sachsen das Abitur


In der Meldung wird ausgeführt, daß im Jahr 2017 "14 Prozent mehr Absolventen als 2009" das Abitur schafften. Eine gute Nachricht. Nun begeht man jedoch den Fehler, gleichzeitig die absoluten Zahlen für 2017 zu nennen: "2017 erwarben von insgesamt 1825 Migrationskindern 505 die allgemeine Hochschulreife".


Dem interessierten Leser stellt sich hier sofort die Frage: Wie sahen die absoluten Zahlen im Jahr 2009 aus, die hier leider nicht genannt werden? Die Nennung einer Steigerung von 14% beim bestandenen Abitur macht nur Sinn, sofern die absoluten Zahlen aus 2009 identisch sind. Wir haben daher beim Statistischen Landesamt Sachsen nachgefragt und uns diese Zahlen geben lassen. Das Ergebnis überrascht uns nicht:


Schuljahr 2009


1276 Schulabgänger mit Migrationshintergrund

443 davon mit Hochschulreife

34,7% haben demzufolge 2009 die Hochschulreife erlangt


Schuljahr 2017


1825 Schulabgänger mit Migrationshintergrund

505 davon mit Hochschulreife

27,7% haben demzufolge die Hochschulreife erlangt


Statt eines Anstiegs von 14% bei der Hochschulreife, ist die Quote von 34,7% auf 27,7% bzw. um 20% gesunken. Man hat es hier tatsächlich fertig gebracht, aus einem Rückgang von 20% eine Steigerung von 14% zu machen. Das nennen wir "Alternative Fakten". Es sei denn, wir haben uns verrechnet?


Nun muß man jedoch erwähnen, daß die LVZ hier einfach eine Pressemitteilung des Statistischen Landesamt Sachsen übernommen hat, in welcher bereits von 14% Steigerung gesprochen wird. Demzufolge verbreitet bereits das Statistische Landesamt Sachsen "Alternative Fakten". Wäre es nicht die Aufgabe von Journalisten, solche Dinge zu hinterfragen, statt einfach nur Pressemitteilungen zu kopieren und sich damit zum Sprachrohr des Staates zu machen? Wieso muß die Recherche jetzt der Leser übernehmen? Ist man sich eigentlich im Klaren, daß man mit dieser Form des "DDR-Journalismus" die AfD immer stärker macht?


Übrigens wollten wir auf Nummer sicher gehen, denn unter Umständen ist uns ja ein Rechen- oder Denkfehler unterlaufen. Wir haben daher nochmals beim Statistischen Landesamt Sachsen nachgefragt, ob unsere Berechnung und Schlußfolgerung korrekt ist. Hier erhielten wir die Antwort: "Das Problem lässt sich schlecht per E-Mail klären."


Behalten Sie dies alles im Hinterkopf, wenn die nächste Kriminalitätsstatistik veröffentlich wird.



Update 20.09.2018


Nun erhielten wir doch noch Antwort vom Statistischen Landesamt Sachsen:

Zitat

Ihre Berechnungen stimmen. Wir haben jedoch einen anderen Sachverhalt dargestellt:


2017 haben 62 Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund mehr als 2009 die allgemeine Hochschulreife erlangt. Das sind 14 Prozent mehr Absolventen als 2009.

Den Rückgang des Anteils der Absolventen mit Migrationshintergrund und allgemeiner Hochschulreife an allen Absolventen/Abgängern mit Migrationshintergrund haben wir nicht betrachtet.

Wir lassen dies unkommentiert.


Wie schon gesagt: Behalten Sie dies alles im Hinterkopf, wenn die nächste Kriminalitätsstatistik veröffentlich wird.




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